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Ayreon |
The Human Equation |
Ich will diesen Text mal als vorsichtige Näherung an einen richtig fetten Brocken Musik beschreiben. Immerhin liegen hier zwei CDs mit über 100 Minuten Spielzeit in 20 Songs, die selber Abschnitte einer komplexen Geschichte darstellen. Die Story in Kurzform, denn 1. ist sie für die Beurteilung einer Rock-Platte nicht essentiell und 2. an vielen anderen Stellen schon ausführlich beschrieben: Ein Mann fährt am hellichten Tag und ohne erkennbare Ursache gegen einen Baum, fällt ins Koma. An seinem Krankenbett wachen seine Frau und sein bester Freund und rätseln, warum der Kerl nicht aufwacht, denn es gibt keinen physischen Grund für das Koma. Im Kopf des Komatösen toben mittlerweile die Gefühle und Affekte in beängstigender Direktheit, und den führen den Mann zu einer Reise durch die eigene Vergangenheit bis zur Erklärung für das Koma und die anschließende Heilung. Die handelnden Personen - und jetzt kommt sozusagen der Clou dieser Platte - werden von verschiedenen Gastsängern dargestellt: James LaBrie (Dream Theater) als Mann im Koma Marcela Bovio (Elfonia) als seine Frau Arjen Lucassen (Ayreon) als bester Freund Devon Graves (Dead Soul Tribe) als 'Agony' Devin Townsend als 'Rage' Eric Clayton (Saviour Machine) als 'Reason' Mikael Åkerfeldt (Opeth) als 'Fear' Magnus Ekwall (The Quill) als 'Pride' Heather Findlay (Mostly Autumn) als 'Love' Irene Jansen (Karma) als 'Passion' Mike Baker (Shadow Gallery) als 'Father' Arjen, der auf der beiliegenden DVD erzählt, dass er nur deswegen selber eine Rolle übernommen hat, weil die Verhandlungen mit einem anderen Gast geplatzt sind, macht seine Sache übrigens nach meinem Empfinden sehr gut. Seine Stimme ist zwar nicht außergewöhnlich, aber angenehm. James LaBrie - und glaubt mir, es gibt kaum einen Sänger, der im Metal-Lager so polarisiert wie der Theatersänger von Dream Theater - macht seine Sache ebenfalls sehr gut. So gut, dass sie selbst mir nicht übel aufstößt. Alle anderen liefern sehr unique Performances, was der Unterscheidbarkeit der Songs und Charaktere notwendig ist. Mir - als keinem Freund von female vocals - gefallen sogar die Frauenstimmen ziemlich gut. Heather Findlay - Vocalistin der Folk-Rock-Band Mostly Autumn - verkörpert die 'Liebe' herzzerreißend schön, Irene Janson hat die Dramatik und Erregung der 'Leidenschaft' drauf, und wohl die größte Sensation: Marcela Bovio als liebendes Weib der Hauptperson. Diese Marcela hat Arjen über seine Webseite gecastet! Ein Aufruf an seine Fans, Tonbänder einzuschicken, wurde von über 100 Leuten befolgt und hat diese schöne Stimme ans Licht der Welt gebracht. Zur Musik: Irgendwo habe ich ein schönes Etikett für The Human Equation gelesen: Prog Rock lite. Das passt insofern, als dass Ayreon an keiner Stelle das musikalische Rad neu erfinden. Alles ist ziemlich traditionell, wenig überraschend und viele Tracks lassen sich direkt auf ein musikalisches Vorbild beziehen. Es gibt Songs, die ohne weiteres auf einer Dream-Theater-Platte sein könnten, manchmal - vor allem wenn männliche und weibliche Vocals zusammenkommen, höre ich "Suite Sister Mary" von Queensryche's Operation Mindcrime, durch den häufigen Einsatz folkloristischer, akustischer Instrument fühlt man sich bei Jethro Tull zu Hause und wenn der Moog erklingt, ahnt man, dass Arjen exzessiv Pink Floyd konsumiert hat. Alles für sich ist traditionell, in der Mischung aber eigenständig, und in Kombination mit dem textlichen Konzept und den vielen Gastsängern sogar neu. Die Instrumente auf The Human Equation verteilen sich wie folgt: Arjen Lucassen spielt alle Gitarren, Bass und die meisten Keyboards. Ed Warby an den Drums ist IMHO eine solide Besetzung, bläst mich aber - vor allem mit Killer-Drummern wie bei Porcupine Tree oder Opeth im Ohr nicht um. Die Folk-Instrument wie Flöten, Geigen, Celli werden von einer holländischen Folk-Band gespielt, und zu ein paar tollen Keyboard-Solos treten Leute wie Ken Hensley (Uriah Heep) und Oliver Wakeman an und sorgen für kleine Highlights. The Human Equation liegt im Moment in drei Versionen vor: Als Doppel-CD, als special Edition Doppel-CD plus ca. 65min-DVD mit einem netten Making-Of, und als superspecial-Megafanbox mit Doppel-CD, DVD und 36-seitigem Booklet. Da die DVD wirklich zu empfehlen ist, sollte man es unter der special edition eigentlich nicht machen. Zuletzt ein einziger Kritikpunkt: Die Texte gefallen mir nicht, und zwar nicht wegen des Inhalts - die Story ist gut - aber wegen des Stils. Wie jemand im Opeth-Forum schrieb "way too obvious" und ich würde hinzufügen: kitschig und plakativ. "face your deepest fears - you're fighting back the tears", "let her in, let her in - let the party begin", "is this a dream or is it real - sometimes a dream becomes reality" - das könnte auch von Dieter Bohlen sein, und ich finde, so kann man nicht texten. Ich gestehe natürlich zu, dass Arjen kein englischer Muttersprachler ist, aber hier sind ein paar allzu saftige Phrasen drin. Okay, aber das kann den Gesamteindruck nicht trüben. The Human Equation ist ein großartiges Werk, das jedem Freund heutiger Rockmusik gefallen kann. Man muss Arjen vor allem für seine Fähigkeit als Komponist und Projektmanager loben. Die Zusammenstellung der Charaktere, der große Entwurf - das sind seine Leistungen, die ich hoch schätze. Ich höre die CD im Moment fast ohne Pause, daher 10/10 mit der leichten Einschränkung, dass sie den Test of time noch bestehen muss. Ob eine Platte für die einsame Insel taugt, zeigt sich eh nicht im ersten Jahr. ![]() |
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| Yonder | VÖ: 2004 |